Ein großer Unbekannter

Am 8. März wurde im Lindenau-Museum Altenburg die Sonderausstellung „Berliner Blätter. Aus der Sammlung Volker Sachse“ eröffnet, die noch bis 10. Juni dieses Jahres läuft. Dieser Blog-Beitrag widmet sich einem heute fast vergessenen, in der Ausstellung jedoch mit mehreren Werken vertretenen Künstler: Rudi Lesser (Berlin 1902 – 1988 Berlin).

Die dem Museum 2011 vermachte Sammlung Volker Sachses setzt sich aus 1200 grafischen Einzelblättern – Druckgrafiken und Zeichnungen – sowie 48 Mappenwerken und Büchern mit Originalgrafik zusammen, die der gebürtige Berliner über Jahrzehnte zusammengetragen hat. Sein besonderes Augenmerk galt dabei Werken von Künstlern, die während des Bestehens der Weimarer Republik (1918 – 1933) kürzere oder längere Lebensphasen in Berlin für Studium, Lehrtätigkeit oder freiberufliches Schaffen verbracht haben. Darunter finden sich so klingende Namen wie Käthe Kollwitz, Ernst Barlach, Heinrich Zille, Erich Heckel und Max Pechstein. Eine herausragende Qualität der Sammlung liegt jedoch in der Zusammenführung von weithin bekannten und weniger beachteten Künstlern. Dadurch ermöglicht sie einen außergewöhnlich umfassenden Blick auf die Kunstproduktion der betreffenden Zeit. Einer dieser heute zu Unrecht kaum noch bekannten Künstler ist Rudi Lesser.

Der große Meisterschüler

Schon früh bot sich dem gerade zwanzigjährigen Lesser die Gelegenheit, erste Illustrationen für eine Ausgabe der Legenden aus dem Talmud (Brandhus’sche Verlagsbuchhandlung) anzufertigen. Weitere schuf der hochgewachsene Nachwuchskünstler für eine Don Quixote-Ausgabe desselben Verlags. Lesser hatte 1919 das Studium an der Unterrichtsanstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums aufgenommen, welches ihn auch für einen längeren Aufenthalt nach Königsberg an die dortige Kunstakademie führte. Wieder zurück in Berlin war er von 1927 bis 1931 Meisterschüler des vor allem für sein umfassendes druckgrafisches Illustrationswerk bekannten Hans Meid (1883 – 1957).

Das „reale“ Berlin

Als junger Mann hat Rudi Lesser mit Nadel, Radierplatte und subtilem Humor Berlin in den Zwanzigerjahren von seiner ganz gewöhnlichen und alltäglichen Seite umrissen. Straßenszenen, Baustellen, Vorortgegenden, die Trübsal des Arbeitslosenbüros – immer begriffen als Orte menschlicher Begegnung. Lesser schuf vor allem Kaltnadelradierungen, bei denen im Gegensatz zur Ätzradierung direkt mit der Nadel in die Platte gearbeitet wird, und Zeichnungen. Einige Lithografien sind ebenfalls überliefert.

Emigration

Da Lesser Jude und politisch links eingestellt war, entschloss er sich 1933 zur Flucht vor dem NS-Regime nach Dänemark und Schweden. 1946 immigrierte er in die USA. Dort unterrichtete Lesser an der Howard University in Washington D. C. Erst ein Jahrzehnt später kehrte er nach Berlin zurück und war als freischaffender Künstler tätig. Ein großer Teil von Lessers Frühwerk muss heute als verloren oder zerstört gelten.

Sammler aus Leidenschaft

In einem an das Lindenau-Museum gerichteten Brief vom 30. Mai 2000 kommt Volker Sachse auf Rudi Lesser zu sprechen, dessen Werk ihm besonders am Herzen lag. Ende der Siebzigerjahre habe er bei einem Ausstellungsbesuch in Berlin erstmals Werke von Lesser gesehen und anschließend begonnen, in „mühseliger Kleinarbeit“ ein beachtliches Konvolut von insgesamt 27 Werken des Künstlers zusammenzutragen, die größtenteils vor 1933 in Berlin entstanden sind. Er berichtet zudem von einem Besuch des weit über achtzigjährigen Rudi Lesser bei ihm zu Hause. Bei Sachse bot sich ihm die Möglichkeit, sein nahezu verschollenes Frühwerk zu besichtigen, das nur noch in wenigen Blättern erhalten ist. Sachse schreibt: „Diesen ganz stillen und menschlich so anrührenden Abend habe ich nie vergessen.“ Es darf als glücklicher Umstand gewertet werden, dass die Grafiken Rudi Lessers aus dem Besitz von Volker Sachse nun in musealer Obhut sind.

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