Ein „Zwitter von Schrecken und Lüsten“ (Heinrich Heine)

Die Sphinx im Lindenau-Museum

Seit dem 7. Februar 2019 verzaubert eine Sonderpräsentation zur „rätselhaften Sphinx“ die Räume der Abguss-Sammlung im Lindenau-Museum. Grund genug, sich auch im Blog einmal eingehender mit dieser faszinierenden mythologischen Figur auseinanderzusetzen. Wer die Ausstellung noch sehen möchte, muss sich ranhalten – am 22. April 2019 endet sie.

Unter den Mischwesen nimmt die Sphinx eine besondere Stellung ein: Halb Mensch, halb Löwe vereint sie nicht nur zwei Naturen, die ihr einen doppelsinnigen Charakter verleihen. Auch zwei Geschlechter sind ihr von den Ägyptern und Griechen zugedacht worden. Ursprünglich als Symbol der Macht und Autorität des Pharaos oder eines Gottes konzipiert, ist die Sphinx in der Vorstellungswelt des Alten Ägypten überwiegend männlich. Das wohl berühmteste Beispiel hierfür ist die oder vielmehr der Große Sphinx von Gizeh, der höchstwahrscheinlich vom Pharao Chephren (26. Jh. v. Chr.) erbaut wurde und ihn selbst darstellt. Die Kalksteinstatue ist mit einer Länge von über 70 m und einer Höhe von etwa 20 m eine der größten monolithischen – sprich aus einem einzelnen Stein geschaffenen – Skulpturen der Welt. Farbreste deuten darauf hin, dass sie ursprünglich bemalt war.

Auch im vorderasiatischen Raum entwickelt sich schon früh ein ganz ähnliches Fabelwesen, das im Gegensatz zur ägyptischen Sphinx und vor allem ab 2000 v. Chr. häufig mit Flügeln ausgestattet ist. Hier ist die Sphinx nicht als Repräsentantin eines Herrschers zu verstehen, sondern als ein mit der Wildnis  in Zusammenhang stehender Dämon, der im Dienste einer Gottheit steht. In Syrien taucht die Sphinx im frühen 1. Jt. v. Chr. zudem im Kontext des Totenkults, später als Symbol des Wohlstands in Palastanlagen auf.

Durch kulturelle Einflüsse aus Ägypten und Vorderasien gelangt die Sphinx schließlich nach Griechenland, wo sie von dem Dichter Hesiod in die weitverzweigte mythologische Ahnenfolge als Spross der Echidna eingebettet wird. Echidna war selbst bereits ein Mischwesen aus Frau und Schlange.

Carl Marcus Tuscher nach einer Zeichnung von Frederik Ludvig Norden, Die Große Sphinx von Gizeh, 1744, Tiefdruckverfahren, Lindenau-Museum Altenburg

In der materiellen Kultur ist sie zuerst in Darstellungen der Kleinkunst und der frühgriechischen Vasenmalerei anzutreffen. Ab dem späten 7. und vor allem im 6. Jh. v. Chr. ist sie auch als großplastisches Monument in Heiligtümern und Grabanlagen vertreten. In exponierter Lage auf hohen Säulen platziert, hat sie als Wächterin den Rundumblick und hält Frevler fern. Zunächst noch „gender-neutral“ oder mal männlich, mal weiblich dargestellt, setzt sich die Charakterisierung als weibliches Wesen erst mit der zunehmenden Verbreitung der Ödipus-Geschichte durch die Tragödiendichter Aischylos und Sophokles im 5. Jh. v. Chr. durch. Hier treibt die Sphinx vor den Stadttoren Thebens ihr Unwesen und verschlingt vorbeiziehende Reisende, die ihr berühmtes Rätsel „Was ist mit einer Stimme versehen und hat am Morgen vier, am Mittag zwei und am Abend drei Beine?“ nicht lösen können. Einhalt gebietet ihr schließlich Ödipus, indem er ihr die richtige Antwort nennt: Es ist der Mensch.

Die Römer übernehmen die Sphinx als Wesen der Toten im Grabkontext. Zudem erscheint sie nun auf der Rückseite von Münzen, z. B. im Falle einer oströmischen Prägung des Kaisers Augustus. Hier wird die Sphinx als Symbol für Stärke und Verstand und als Begleiterin des Gottes Apollon aufgefasst, der in der augusteischen Propaganda eine wichtige Rolle einnahm. Mit dieser positiven Umdeutung hält die Sphinx Einzug in die häusliche private Sphäre, wo sie als Dekorationselement an Kandelabern, Kohlenbecken oder in der Wandmalerei zu sehen ist.

Während die Sphinx im Mittelalter ein eher unbedeutendes Schattendasein fristet, entdeckt die Renaissance das Fabelwesen mit den zwei Naturen für sich neu. Ab dem späten 15. Jahrhundert dient sie, wie bereits bei den Römern, als dekoratives Motiv in der Architektur und Innenausstattung. In Form von Fresken schmückt sie die Wände von Bibliotheken, Palästen und päpstlichen Gemächern. Als Wächterin der Toten ist sie ab dem 16. Jahrhundert auch wieder an Grabstätten zu finden.

Attisch-schwarzfigurige Halsamphora mit Sphingen, um 560 v. Chr., Friedrich-Schiller-Universität Jena

Mit dem gesteigerten Interesse an Ägypten und dem Orient unternehmen Gelehrte des Barocks Forschungsreisen in den südöstlichen Mittelmeerraum, um die Bauwerke des Altertums zu studieren – darunter auch der Große Sphinx von Gizeh. Sphingen entwickeln sich nun zu einem gängigen Schmuckelement. Insbesondere als Gartenskulptur erfreut sich die Sphinx im 18. Jahrhundert einer großen Beliebtheit aufgrund ihrer fantastischen Natur, die den Parkanlagen einen exotischen, gar überirdischen Anschein verleiht und sie in die mythische Sphäre entrückt. In spitzengesäumte Rokokogewänder mit Rüschen und Quasten gehüllt, vermittelt die fast ausschließlich weibliche Sphinx keinen bedrohlichen Eindruck mehr. Stattdessen dient sie als reizvolle Staffage oder kokette Wächterin vor Toren und Eingängen.

Große Sphinx von Gizeh aus der Description de l’Égypte von Edmond François Jomard, 1822, Radierung, Lindenau-Museum Altenburg

Im Klassizismus erfährt die Auseinandersetzung mit dem Altertum eine zunehmend wissenschaftliche Bearbeitung, die sich in einer authentischeren Darstellung antiker Motive äußert. Im Zuge der durch die Ägyptische Expedition Napoleons in den Jahren 1798 bis 1801 erneut entfachten „Ägyptomanie“ ist die Sphinx nun wieder häufiger mit ägyptischen Attributen wie Perücke oder Nemes-Kopftuch ausgestattet, bleibt aber überwiegend weiblich. Neben den bekannten Milieus kommt sie nun auch als wirkungsvolle Seitenlehne prunkvoller Sessel in der Möbelgestaltung zum Einsatz. Abermals in ihrer Rolle als Ehrfurcht gebietende Wächterinnen sitzen Sphingen besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts paarweise vor den Eingängen von Museen, Kunstgalerien, Bürogebäuden oder Opernhäusern.

Mit dem Symbolismus entwickelt sich in der bildenden Kunst und in der Literatur ein erotisiertes Sphinx-Bild, das an den Frauentypus der Femme fatale angelehnt ist. Grundlage hierfür ist die Begegnung des Ödipus mit der Sphinx, die als spannungsvolles Geschlechtsverhältnis gedeutet wird. Dichter und Künstler wie Franz von Stuck („Der Kuss der Sphinx“, 1895), Gustave Moreau („Ödipus und die Sphinx“, 1864) oder bereits Heinrich Heine („Die Sphynx / Die Liebe“, 1839) stellen in ihren Interpretationen des mythologischen Stoffs die als triebhaft und dämonisch empfundene Weiblichkeit und das gefährliche Liebesspiel mit der „männermordenden“ Sphinx facettenreich in den Vordergrund.

Ob in abstrahierter Form bei Gerhard Altenbourg oder als rätselstellendes Untier im Fantasy-Genre der zeitgenössischen Popkultur: Die Sphinx hat in jüngster Zeit viele Gesichter, die abhängig vom Kontext einen jeweils anderen Aspekt ihres Charakters betonen. Unverändert bleibt sie jedoch bis heute als Sinnbild des Mysteriums bestehen. Dieser Wesensart lässt die Ausstellung „Die rätselhafte Sphinx“ mit ihrer Vielzahl kunst- und kulturgeschichtlicher Exponate besondere Aufmerksamkeit zukommen.

Victoria Kubale

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