Paul Klee und das Bauhaus

Zwei Lithografien aus dem Lindenau-Museum

Zu den weniger bekannten Schätzen des Lindenau-Museums zählt eine Sammlung druckgrafischer Mappenwerke der 1920er Jahre – eine der größten Kollektionen dieser Art im deutschsprachigen Raum. Neben wichtigen Zyklen wie „Der Krieg“ von Otto Dix ragen vier Mappen aus dieser Sammlung heraus, die zwischen 1921 und 1924 am Staatlichen Bauhaus in Weimar entstanden.

Unter dem Titel „Neue Europäische Graphik“ präsentierten Bauhaus-Direktor Walter Gropius und Lyonel Feininger, der Leiter der druckgrafischen Werkstatt am Bauhaus, im Herbst 1921 eines der bedeutendsten transnationalen Kunstprojekte der Zwischenkriegszeit: Die künstlerische Avantgarde Europas war aufgerufen, je eine Druckgrafik zu einer fünf Mappen umfassenden Werkschau aktueller Grafik beizusteuern. Dem national ausgerichteten Kulturbegriff der Weimarer Republik sollte mit der „Neuen Europäischen Graphik“ die Idee eines kosmopolitischen Künstlerbundes entgegengesetzt werden.

Dabei entstanden am Bauhaus die Mappen I, III, IV und V mit Druckgrafiken deutscher, italienischer und russischer Künstler. Mappe II mit den Arbeiten französischer Künstler blieb Fragment. Von insgesamt 76 eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern aus über zehn Ländern beteiligten sich letztlich 49 an dem vom Bauhaus trotz widriger Umstände vorangetriebenen Projekt. Eine Ausstellung, die anlässlich der Gründung des Bauhauses vor 100 Jahren noch bis zum 19. Mai am Lindenau-Museum zu sehen ist, gibt einen formidablen Einblick in das druckgrafische Schaffen von solch bekannten Künstlern wie Max Beckmann, Marc Chagall, Giorgio de Chirico, Wassily Kandinsky und Ernst Ludwig Kirchner – und vermittelt noch dazu eine Vorstellung davon, welche Qualität dabei herauskommen kann, wenn sich Künstler ganz unterschiedlicher Herkunft zu einem europäischen Projekt zusammenfinden.

Paul Klee, Die Heilige vom innern Licht, 1921, Lithografie, © Lindenau-Museum Altenburg/Bernd Sinterhauf

Zwei Arbeiten aus der ersten Mappe der „Neuen Europäischen Graphik“ stammen von dem Schweizer Künstler Paul Klee (1879–1940). Klee begann seine Lehrtätigkeit am Bauhaus Weimar im Januar 1921. Gropius gelang es, den vielseitig begabten Künstler als Formmeister der Klasse für Buchbinderei zu gewinnen. Die Verbindung von analytischem Naturstudium und metaphysischer Bezugnahme stand im Mittelpunkt von Klees bildnerischer Formlehre am Bauhaus. Mit den beiden Blättern „Die Heilige vom innern Licht“ und „Hoffmaneske Märchenscene“ betrat Klee ein für ihn neues Feld: Bisher ist er im Bereich der Druckgrafik mit Holzschnitten, Radierungen und Lithografien in Erscheinung getreten, die er gelegentlich mit dem Pinsel farbig bearbeitete.

Jetzt versuchte Klee erstmals, die Farbe nicht nachträglich aufzubringen, sondern bereits im Druckprozess der Lithografie zu berücksichtigen. Dabei experimentierte Klee in der druckgrafischen Werkstatt des Bauhauses mit hellem Rosa und Rotbraun, die er nacheinander auf eine präparierte Steinplatte aufbrachte, auf die er zuvor schon den Umriss der „Heiligen“ gezeichnet hatte und abzog. Die Blätter wurden in einem zweiten und dritten Durchgang dann an bestimmten Stellen mit Farbe versehen.

Paul Klee, Hoffmaneske Märchenscene, 1921, Lithografie, © Lindenau-Museum Altenburg/Bernd Sinterhauf

In der „Hoffmanesken Märchenscene“ ging Klee noch einen Schritt weiter. Hier legte er Orange und Violett so übereinander, das ein dritter Farbton – ein helles Braun – auf dem Papier entstand. Die Lust am Experiment, die Klee, Itten und die anderen Meister am Bauhaus von ihren Schülern einforderten, praktizierte Klee hier selbst.

Soviel zur Technik. Doch was sehen wir letztlich auf den Lithografien? Das eine Blatt zeigt einen weiblichen Halbakt. Auf einem starken Hals ruht ein mehrfach eckig gebrochener Kopf, der in einen Kreis eingeschrieben ist, welcher als Heiligenschein gesehen werden kann. Die geschlossenen Augen deuten auf einen Akt verinnerlichter Anschauung, Inspiration oder Vision, auf jenes „innere Licht“, das im Titel der Lithografie benannt wird. Die schlanke, leicht überdehnte Figur überwindet die Leiblichkeit zu Gunsten einer nach oben ausgerichteten Spiritualität, wo einige Haare wie eine Flamme abstehen.

In der zweiten Arbeit innerhalb der „Neuen Europäischen Graphik“ setzt sich Klee mit den Erzählungen des romantischen Schriftstellers E. T. A. Hoffmann (1776–1822) auseinander. Die Romantik und der mit ihr verbundene Hang zum Irrationalen und Spirituellen zog den Künstler schon seit längerer Zeit in ihren Bann. Links unten ist in bewusst naiver Handschrift eine Figur mit Zopf zu erkennen, von deren Nase eine Linie wie ein Telefonkabel gedreht zum Turm eines dreiteligen Gebäudes läuft, zu dem auch eine Treppe führt. Ein Wetterhahn, Uhren, symbolhafte Pflanzen und andere Dinge sind auszumachen. Klees reges Interesse an den Erzählmustern des Schriftstellers und den wiederkehrenden Themen, etwa der Mechanisierung der Welt durch Uhrwerke und Automaten, werden hier spielerisch ins Bild gesetzt. Auf E. T. A. Hoffmanns Themen wurde Klee durch wiederholte Besuche von Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ aufmerksam. Klees Lithografie kann damit als kritischer Kommentar auf die Technisierung am Bauhaus gelesen werden, dem der Künstler mit seinem Œuvre Wege zu einer neuen Natürlichkeit entgegenhält. All das und vieles mehr kann man in Altenburg bewundern.

Benjamin Rux

Das Bauhaus
Grafische Meisterwerke von Klee bis Kandinsky
noch bis 19.5.2019

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