Erdmann Julius Dietrich: Maler und Kustos der Lindenauschen Sammlungen auf dem Pohlhof

Erdmann Julius Dietrich, Maler und Kustos der Lindenauschen Sammlungen auf dem Pohlhof sowie erster Museumsdirektor nach Bernhard August von Lindenau, wurde am 16. Dezember 1808 als Sohn eines Beamten in Eisenberg geboren. Erhielt Dietrich seinen ersten Zeichenunterricht noch vom Altenburger Modelleur Friedrich Sprenger, lernte der junge Mann ab 1828 die Grundlagen der Porträtkunst bei dem aus Gotha nach Altenburg gekommenen Maler Ludwig Doell. Sein Anraten war es auch, aufgrund dessen sich Dietrich später einer Ausbildung bei Josef Grassi unterzog. Dem bereits Dreißigjährigen ermöglichte Bernhard August von Lindenau 1838/39 eine Studienreise nach Italien, indem er ihn mit zahlreichen Aufträgen zum Kopieren bedachte. Nach seiner Rückkehr nach Altenburg avancierte Dietrich zum gefragten Porträtmaler in der Region und konnte so auf weitere Förderungen durch Lindenau hoffen. In den 1840er Jahren wurde Erdmann Julius Dietrich sogar zum Professor für Malerei ernannt. Regelmäßig kopierte er für Lindenau, der Dietrichs Engagement für das 1846/47 eingerichtete Museum auf dem Pohlhof schließlich mit seiner Ernennung zum Inspektor honorierte.

Erdmann Julius Dietrich: Selbstbildnis, 1833-35, Lindenau-Museum Altenburg, Foto: PUNCTUM/Bertram Kober

In seinem 1852 niedergelegten Testament formte Bernhard August von Lindenau seine künftige Stiftung juristisch, inhaltlich und materiell aus. Dabei nahm er zuallererst den Staat in die Pflicht, sodann jedoch auch eine Reihe weiterer Beteiligter. Einer dieser Beteiligten war Julius Erdmann Dietrich. Ihm wurde neben der Verwaltungskommission die wichtigste Aufgabe bei der Sicherung des Hauptbestandteiles der Stiftungsmasse, den Kunstschätzen, zugewiesen. Unter Punkt B II. e) des Testamentes heißt es dazu: „Ein Hundert Thaler – 100 Thlr. – zur jährlichen Besoldung eines ohne Mietgeldentrichtung wohnenden Künstlers (wozu in der rechten Parterre-Abtheilung die erforderliche Räumlichkeit vorhanden ist), der dagegen folgende Verpflichtung zu übernehmen hat: Wöchentlich drei Stunden Unterricht im freien Handzeichnen zu ertheilen; Die Verbindlichkeit, Bücher, kleinere Gemälde und Gypssachen zur Benutzung der Studierenden im Kuppelzimmer [dort wo die Museumsschule ihren Platz hatte] abzugeben; Die Sammlung in Reinlichkeit und Ordnung zu erhalten; Beim öffentlichen Besuch der Anstalt gegenwärtig zu sein. Zur ersten Besetzung dieser Stelle bestimme ich den bereits in der Anstalt wohnenden Maler Professor Dietrich.“ Lindenau spricht hier nicht von einem „Museum“, sondern von einer „Anstalt“ und meinte damit ein Institut, das nach dem Vorbild des Städelschen Kunstinstituts in Frankfurt, welches er umfassend kennenlernen durfte, eine Verbindung von Sammlung und Ausbildung herstellt.

Ganz einfach machte es Lindenau dem inzwischen 44-jährigen Maler jedoch zunächst nicht. Am 4. November 1852 nannte er in einem codicillarischen Nachtrag zum Haupttestament seine Bedingungen: „…Wenn mein Testament anordnet, dass der gegenwärtig im Mittelgebäude des Pohlhofs wohnende Professor Maler Dietrich in diesem Verhältnis verbleiben […] soll, so hört die Gültigkeit dieser Bestimmungen auf, wenn derselbe sich verheirathet, oder seine Leistungen nach Ansicht der Verwaltungs-Commission dem Zweck seiner Anwesenheit im Pohlhof nicht entsprechen. In beiden Fällen hört die [...] dermalige Stellung des Professors Dietrich im Pohlhof und dessen Wohnung daselbst auf und [...] [die Verwaltungs-Commission] ist verpflichtet, dessen Obliegenheiten und Emulumente einem anderen befähigten, unverheiratheten Künstler zu übertragen.“ Doch als Dietrich offenbar seinen Dienst quittieren wollte, änderte Lindenau seine Meinung. In einem allerletzten Nachtrag zum Testament vor seinem Tod am 28. Februar 1854, ein halbes Jahr nach Dietrichs Heirat, nahm Lindenau die Bestimmung zurück, hatte er sich doch von der Eignung Dietrichs schon über einige Jahre hinweg überzeugen können.

Bereits seit 1847 fungierte der Maler quasi als Lindenaus rechte Hand in Altenburg. Seine Bewährungsprobe hatte Dietrich kurz nach der Eröffnung der Sammlung für die Öffentlichkeit 1848 zu bestehen, als Bernhard August von Lindenau am 27. April desselben Jahres Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung wurde und seinen Lebensmittelpunkt für fast fünf Monate dorthin verlegte.

Die erwähnten 100 Taler „zur jährlichen Besoldung“ waren nicht viel, schon gar nicht für den Unterhalt einer Familie. Der Umfang des Unterrichts und die Länge der Öffnungszeiten ließen Raum für weitere Beschäftigung und so war es für Dietrich sicher willkommen, als er 1852 den Zeichenunterricht im Gymnasium Josephinum und in der Mädchenschule des Magdalenenstiftes übernehmen konnte. Die Verflechtung zwischen dem hiesigen Gymnasium und der Lindenauschen Sammlung war jetzt und später nicht unerheblich. Immerhin gehörte der jeweilige Gymnasialdirektor qua Amt der Verwaltungskommission der Stiftung an. Ihm blieb es auch überlassen, die für die Erweiterung der Kunstbibliothek vorgesehenen Stiftungsgelder zum Nutzen derselben auszugeben. Er war beteiligt an der Entscheidung über die Vergabe der Prämiengelder für die Schüler der Museumsschule und natürlich an der Vergabe der Stipendien. 1854 hieß der Gymnasialdirektor Dr. Foß, der sofort nach Arbeitsaufnahme der Verwaltungskommission zur Tat schritt und sich vor allem in die Belange der Kunst- und Gewerbeschule einbrachte. Sogleich stellte er eine Ordnung auf für die Erteilung des Unterrichts und führte die Erhöhung der Stundenzahl der Lehrer herbei. Dietrich seinerseits machte die Verwaltungskommission sofort auf notwendige Maßnahmen am Pohlhofgebäude aufmerksam. Sorgsam berichtete er der Stiftungsverwaltung jährlich in einem Jahresbericht über das Erreichte des vergangenen Jahres, über Besucher, Restaurierungen, die über das normale Maß hinaus reichten, und über die Prämienverteilung in der Museumsschule. Die Verwaltungskommission ihrerseits rechnete die Verwendung der Stiftungsgelder jährlich beim Ministerium in einer ausführlichen Berichterstattung ab. Aus beiden Dokumentationen lassen sich sehr genau die Namen der prämierten Schüler, aber auch die der Stipendiaten verfolgen.

In der Museumsschule standen Dietrich die schon von Lindenau 1847 eingesetzten Lehrer Franz Hesse im Fach Modellieren und Friedrich Sprenger im Fach archietektonisches Zeichnen zur Seite. Dietrich unterrichtete fünf, die beiden anderen Lehrer vier Stunden wöchentlich. Der Unterricht fand an den Wochenenden statt, denn schließlich kamen die Schüler nicht nur aus dem örtlichen Gymnasium oder dem Seminar, sondern waren vor allem Lehrlinge ganz unterschiedlicher Berufe. Darunter fielen im Übrigen nicht nur die „kunstverdächtigen“ Professionen wie Lithographen, Maler, Zisselierer, sondern vor allem Zimmerer und Maurer.

Erdmann Julius: Knabenbildnis, 1842, Lindenau-Museum Altenburg, Foto: PUNCTUM/Bertram Kober

Inwieweit Erdmann Julius Dietrich in jener Zeit selbst noch künstlerisch tätig war bzw. zur Bereicherung des Museums mit Kopien beigetragen hat, kann nicht ermittelt werden. Aus seinen Berichten gehen keine entsprechenden Sammlungszuwächse hervor. Dafür lag sein Aufgabenschwerpunkt neben dem Unterricht und der Aufsicht vor allem in der Sammlungsbetreuung. Die Bedingungen im Pohlhofgebäude müssen mehr als schwierig gewesen sein. Vom Hang drückte das Wasser in das nicht unterkellerte Gebäude und bereitete im Erdgeschoss Probleme. Im Kuppelraum stürzten mehrmals Abgüsse herab und auch für die Gemälde war es offenbar zu feucht. Dietrich ließ nicht nach, die Verwaltungskommission auf die Missstände aufmerksam zu machen.

Über viele Jahre kämpfte der Maler bei den herzoglichen Behörden um einen Museumsneubau, der auch tatsächliche Verbesserungen der Bedingungen bringen würde. 1876 war es schließlich so weit: Der vom herzoglichen Baurat Robert Enger konzipierte Bau wurde eröffnet. Erdmann Julius Dietrich durfte die Überführung der Lindenauschen Kunstschätze in das neu errichtete Museum noch erleben und dieses leiten. Am 26. November 1878 starb er hoch geehrt in Altenburg.

Zurück

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 4 und 9.