Gerhard Altenbourg im Detail //3 - Auf einer Insel aus Orange und Rot

Die Hippukrene Aspasia, 1971
Tempera, Aquarell, Bleistift und Chin. Tusche auf grauem Papier aus der Goethezeit
33,1 x 20,3 cm
Lindenau-Museum Altenburg

Mannigfaltige Farben von Rot, Blau und Grün dominieren das Bild. Eine Figur, die fast die gesamte Höhe einnimmt, ist vollständig von einem Mikrokosmos aus unzähligen Strichen, Kreisen, Kringeln und Punkten umgeben, der sich perspektivisch keinen Millimeter von der Figur abhebt. Altenbourg bezeichnete sie als Aspasia, die antike Philosophin und zweite Frau des Perikles, die von ca. 470 bis ca. 400 vor Christus gelebt hat. Die mit Bleistift gezogene Kontur kennzeichnet zwar eine klare Trennung der zur Figur oder zum Hintergrund gehörigen Flächen, ist aber durchlässig genug, um die Protagonistin dem Gesamtgefüge des Blattes einzuverleiben. So muss man sich also die um Aspasia ausufernden Flächen als Ausdruck ihres Denkens und Handelns, die in die Welt hineinragen, vorstellen. Im gleichen Atemzug muss man den Flächen aber auch ihren Einfluss auf die Figur zugestehen. Der Mensch ist bei Altenbourg immer aufs Engste mit der Natur verwoben. Aspasia empfängt die Natur und lässt sich von ihr fangen.

Auf einer Insel aus Orange und Rot in der unteren Bildhälfte ist bei näherer Betrachtung ein Geflecht von unzähligen Bleistiftkringeln auszumachen, deren Zentren rot zu glühen scheinen. Es drängt sich der Gedanke einer Wolke aus Laich auf, aus der jeden Moment Kaulquappen schlüpfen können. Um diese fruchtbringende Insel legt sich an drei Seiten ein azurblauer Wasserstreifen. Eine gelbgrün schimmernde Fläche fügt sich nach oben organisch an. Diese „Bodenzone“ wird durch eine horizontale grüne Linie begrenzt. Über dem Streifen erstreckt sich ein mit roten Strichen gewebtes Ornament. Es wird vom Arm der Denkerin durchmessen und mündet in ein zartgrünes, baumkronenhaftes Gewebe, nach dem die züngelnden Finger der Aspasia zu tasten versuchen. Wieder begegnen schwarmhaft geordnete, kreisrunde Formen – diesmal in Grün mit schwarzem Kern. Sind es Früchte ihrer Inspiration? Aspasia lauscht, tastet, hält inne, schweigt, sie ist in einem Moment der inspirierten Stille wiedergegeben. Wem lauscht sie? Mit abermaligem Blick auf den Werktitel kommen wir dem Rätsel auf die Spur.

Als Pegasus, das geflügelte Pferd der griechischen Mythologie, am Berg Helikon mit dem Huf aufschlug, entsprang dort eine Quelle: Die Hippokrene (Rossquelle), die heilige Quelle der Dichter. Wer aus ihr trank, wurde von den Musen mit dichterischer Inspiration beschenkt.

Im Kreis der Weimarer Klassik erlebte die Geschichte der Aspasia eine Renaissance. So war es der letzte Kurfürst von Mainz und Anhänger der Weimarer Dichter, Erzbischof Carl Theodor von Dalberg, der Aspasia in seiner Abhandlung „Einfluss der schönen Künste auf das öffentliche Glück“ 1806 erstmals in Verbindung mit der Rossquelle setzte. Die Begeisterung über die Erzählung der Aspasia zeigte sich schließlich auch im Wirken eines Hauptvertreters der Weimarer Klassik: 1773 verfasste Christoph Martin Wieland die Verserzählung „Aspasia“.  Heute ist Aspasia als emanzipierte Frau der Antike in feministischen Diskursen präsent.

Gerhard Altenbourg siedelt die Philosophin, deren Büste im Lindenau-Museum Altenburg in der Abguss-Sammlung vertreten ist, im Bild an der Musenquelle an, die zu ihren Füßen sprudelt. Mit beredtem Handgestus lädt sie die Musen ein, von ihr Besitz zu ergreifen. Ihr Haar ist von einer fantasievollen Kopfbedeckung umschlossen. In Höhe ihrer Brust ist die vertikale Ziffernfolge 88288 zu erkennen. Das Rätsel musischer, mithin göttlicher Inspiration ist chiffrenhaft und kaum nachvollziehbar. Für Altenbourg ist Aspasia auch ein Sinnbild seiner eigenen Künstlerexistenz: Die tätige Hand und das geweitete Auge sind aufs engste aufeinander bezogen – sie beobachten sich gegenseitig und warten auf den Kairos, den günstigen Augenblick. Der Augenmensch Altenbourg erkannte sich in Aspasia wieder.

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