Weihnachts- und Wintertage im Leben Lindenaus um 1850

Im Altenburgischen Amts- und Nachrichtsblatt künden die Anzeigen Anfang Dezember 1853 die nahende Weihnachtszeit. Verführerisch klingen die annoncierten Weihnachtsausstellungen der Altenburger Konditoren, wie die von Friedrich Kuschmann am Weibermarkt, der seine Kunden mit Eistorte lockt, oder der Konditor Oertel hinter der Post mit seinen bekannten kleinen Zuckerbrezeln. Puppen- und Spielwaren-Ausstellungen reihen sich ein, Buchbinder und Luxuspapierhändler preisen ihre wohlassortierten Lager, die Schnuphase’sche Buchhandlung empfiehlt ihre belletristischen Weihnachtsgeschenke. Und auch unter Bernhard August von Lindenaus erhaltenen Papieren findet sich eine Bestellung über besten Nürnberg Pfefferkuchen und Marzipan.

Ernst Geitel: Die Roten Spitzen, 1. Hälfte 20. Jh., Foto: Bertram Kober

Da die zu gefälliger Verwendung in Ihre Hände gelegte Geldspende zur Neige geht und es bei herannahender Weihnachtszeit an Ansprüchen wohl nicht fehlen dürfte, so erlaube ich mir, anliegend wieder 10 Reichstaler zu gleichem Zweck zu übersenden, schreibt Lindenau einem namentlich nicht genannten Hilfsverein. Denn der Winter war in früherer Zeit immer auch eine besonders entbehrungsreiche Zeit und die angepriesenen weihnachtlichen Köstlichkeiten und Geschenke konnten sich nur die Wohlhabenderen leisten.

War Lindenau 1847 aufgrund des unerwartet gute[n] Ergebnis[ses] der Leipziger Messe noch bester Dinge, daß der nächste Winter in Sachsen keinen Nothstand mit sich führen werde, da es den Fabrikarbeiten nicht an Beschäftigung fehlt, ließ der Winter 1853 Böses erahnen: Wir gehen einem schwierigen, ja bedrängten Winter entgegen, da die hohen Bodenpreise für die ärmeren Volksclassen um so drückender sind, als es an Arbeit und Gewerbe fehlt. Und eben auf Arbeit und Gewerbe zielte stets Lindenaus gemeinnütziges Bestreben, das schließlich in der Gründung der im Lindenau’schen Kunstmuseum integrierten Kunstschule und der Lindenau-Zach’schen Stiftung aufging.

Für die von Lindenau auf dem Altenburger Familiengut, dem Pohlhof, zusammengetragenen Kunstsammlungen wurden Eintrittskarten in der Regel letztmalig Ende Oktober ausgegeben, und das Museum öffnete für seine Besucher erst wieder in der wärmeren Jahreszeit. Doch im Dezember 1853 meldet das Amts- und Nachrichtsblatt die tägliche Öffnung. Für die Schüler der dem Museum angeschlossenen Kunstschule sollte der diesjährige Unterricht […] mit dem 21. Dezember seine Endschaft erreichen und die Schüler eingeladen werden, sich zum Behuf der Preisvertheilung am 31. vormittags 11 Uhr im Kuppelsaal einfinden zu wollen. Für den 22. Dezember bat Lindenau die Preisrichter, den Oberbürgermeister Hempel und seine Lehrer, den Maler Dietrich (freies Zeichnen), den Bildhauer Hesse (Modellieren) und den Maurermeister Sprenger (architektonisches Zeichnen) zum Behuf weiterer Besprechung [die Wahl der Preisträger], um zwei Uhr eine Suppe bei ihm verzehren zu wollen.

An einem dieser fröhlichen Wintertage schreibt Julie von Friesen, Stiftspröbstin des Freiadligen Magdalenenstifts in Altenburg, an Bernhard August von Lindenau: Nur in der Voraussetzung, daß auf den Winter Excellenz tägliche Spaziergänge nicht behindert, erlaube ich mir die Bitte, ob Sie wohl heute in Gesellschaft meiner lieben Schwestern Gräfin von Schulenburg aus Weimar und Gräfin Vitzthum den Café bey mir trinken wollten? Sollte es mir nicht erlaubt seyn, zur Abholung Ihnen den Schlitten zu schicken […]?

Im Winter 1852/53 war in Altenburg so viel Schnee gefallen, dass man durch die gewaltigen Schneemassen kaum durch unsern Hof hatte gelangen können, berichtete Lindenau seinem Bruder im Württembergischen. Wären winterliche Reisen nicht mit zu viel Beschwerden für mich verbunden, schreibt er vier Tage vor Heiligabend 1853 an Thekla von Petrikowsky, so würde ich die Erinnerung froher gemeinsamer Zusammenkünfte auch wieder einmal in Schneeberg aufzufrischen bemüht seyn. Seinem Kunstagenten in Rom, dem Archäologen Emil Braun klagt Lindenau: Der letzte Theil des langwierigen Winters hat mich aus Schnupfen und Husten nicht herauskommen lassen, so daß ich mich des langsam herankommenden Frühjahrswetter lebhaft erfreue: Ueberhaupt wird mir mit zunehmendem Alter unser langer nordischer Winter immer lästiger, so daß ich manchmal an eine Versetzung nach Süden denke, wenn ich anders meinen Pohlhof und alles darinnen befindliche mitnehmen könnte. Doch auf dem Pohlhof hatte Lindenau nicht so gefroren wie im Winter 1844/45 in Rom, das auf kalte Wintertage unvorbereitet war: Sehne ich mich oft nach einem nochmaligen Aufenthalt in Ihre ewige Stadt zurück; so bin ich doch froh in dieser Temperatur nicht dort zu seyn, da Ihre Heizungs-Apparate […] sehr mangelhaft waren.

In jüngeren Jahren, als Bernhard August von Lindenau seiner Profession als Astronom in der Sternwarte auf dem rauen, abgeschiedenen Seeberg bei Gotha nachging, als er noch in der Kraft des Mannesalters war, die Wind und Wettertoben liebt, wünschte er sich in einem Brief an seine Cousine Marianne von der Gabelentz aber doch nach dem Lande[,] wo Orangen blühen, während ich hier schon jetzt im tiefen Schnee sitze und von diesen undurchdringlichen Nebeln wie von einem Meer umgeben werde.

Franz Wilhelm Richter: Der Weihnachtstraum, 1842, Lindenau-Museum Altenburg

Der Winter beeinträchtigte auch Lindenaus Kunstsammeln. So mussten 22 Kisten mit Gipsabgüssen nach Antiken, die von Hamburg mit dem Schiff nach Magdeburg spediert werden sollten, um von dort mit der neuen Eisenbahn nach Altenburg zu gehen, wegen befürchteten Einfrierens der Elbe in Hamburg überwintern. Eine von Lindenau im Frankfurter Städel-Museum bestellte Gemäldekopie nach Moretto da Brescia verzögerte sich, weil auch dort in den Sälen nicht geheizt und der beauftragte Maler daher nicht arbeiten konnte.

Am Heiligen Abend 1853 – Lindenaus letztem Weihnachtsfest – traf dann schließlich doch ein schon verloren geglaubter Kunsttransport am Pohlhof ein. Lindenaus Tagebuch meldet: Austheilung meiner Weihnachtsgeschenke und Honorare […]. Hatte ich bis jetzt nur gegeben und nichts empfangen, so ging am Abend ein erwünschtes Weihnachts-Angebinde, durch die Ankunft einer längst erwarteten Kiste aus Rom ein, die mir sechs alt italienische Bilder und zwei Mosdorfische Copien der Raffaelschen Fresken im Vatican […] bringt.

Der Silvestertag 1853 war für Schüler und Lehrer des Pohlhofs Höhepunkt des zurückliegenden Unterrichts. Am Vormittag wurden unter der gläsernen Rotunde des Zeichensaals die drei besten Schüler-Arbeiten von Lindenau persönlich prämiert, wobei von diesen, den anwesenden Lehrern und Preisrichtern, ein tüchtiges Frühstück nebst 24 Flaschen Wein, vergnügt und lustig verzehrt wurden.

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