Carl Lohse – ein Maler knalliger Porträts und stürmischer Landschaften

Carl Lohse, Porträt Buschbeck (Fabrikant), um 1920, Öl auf Presspappe, 75,8 × 57 cm (88,8 × 70,3 cm), Lindenau-Museum Altenburg, Inv.-Nr. 2320, Foto: punctum/Bertram Kober © VG-Bildkunst, Bonn 2023

Feurige Ohren, kirschrote Lippen, die Haut rosarot, die Haare ergraut, dazu eine lose gebundene Krawatte, die den knittrigen Hemdkragen umfasst, ein Herrenporträt vor grün-gelblicher Wand: Doch wer ist hier nur dargestellt?

Der Künstler Carl Lohse (1895–1965) interpretierte in seiner kurzen expressiven Phase um 1920 in Bischofswerda die klassische Bildgattung des Porträts völlig neu. Gerade weil er den Ausschnitt des Brustbildes eher konventionell wählte, stellen das brennende Rot und das giftige Grüngelb die Autorität des Porträtierten keineswegs in Frage, obwohl zunächst nicht ersichtlich wird, wen Lohse hier überhaupt ins Bild setzte.

Vereinzelte, gezielt verwendete kühne und prägnante Linien steigern die wesentlichen Gesichtszüge des Darstellten ins Karikaturhafte. Die knalligen, kräftigen Farben in Kombination mit einem expressiven Pinselstrich ermöglichten Lohse einen schwungvollen, pastosen und direkten Farbauftrag, ohne dass er dafür die Malfläche hätte grundieren müssen. Die Umrisse sind schemenhaft, Details so gut wie nicht vorhanden: Hat der Porträtierte die Augen geöffnet oder geschlossen? Der Künstler spielt mit der Ambivalenz aus eindeutigen Merkmalen des Wiedererkennens und allgemeingültigen, unspezifischen Attributen. Um zu erfahren, wen genau Lohse hier porträtierte, ist ein Blick in die Vergangenheit des Bildes bis hin zu seiner Entstehung unerlässlich. Dafür stellt sich zunächst die Frage, wie das Bild überhaupt in die Gemäldesammlung des Lindenau-Museums kam.

„Mit dem Ankauf zweier typischer Gemälde des Künstlers, einem Porträt und einer Landschaft, könnte der Galerie ein kraftvoll eigenständiger Beitrag deutscher nachexpressionistischer Malerei hinzugefügt werden.“ In ihrem Anfang November 1985 gestellten Antrag beabsichtigte die damalige Direktorin des Lindenau-Museums Jutta Penndorf die Kostenübernahme durch den Kulturfonds der DDR für die Erwerbung zweier Gemälde des zwanzig Jahre zuvor verstorbenen Malers Carl Lohse. Zu seinem 90. Geburtstag hatte die Kunstausstellung Kühl vom 20. Oktober bis zum 16. November 1985 eine Gedächtnisausstellung veranstaltet, von der das Lindenau-Museum die zwei Werke „Kopf Schweinchen“ für 2.500,- M (Abb. 1) und „Stürmische Landschaft“ (Abb. 2) für 5.500,- M ankaufte. Den wenig schmeichelhaften Titel „Kopf Schweinchen“ hatte Johannes Kühl dem Bild verpasst, im Lindenau-Museum wurde das Herrenbildnis dagegen als „Porträt Buschbeck (Fabrikant)“ inventarisiert.

Carl Lohse, Stürmische Landschaft, undatiert, Öl auf Leinwand, 74 x 89 cm (90,5 x 105,8 cm), Lindenau-Museum Altenburg, Inv.-Nr. 2321, Foto: punctum/Bertram Kober © VG-Bildkunst, Bonn 2023

Beide Gemälde verkaufte Kühl „im Namen und für Rechnung“ einer dritten Person, wie aus den Unterlagen im Archiv der Dresdner Galerie hervorgeht. Die „Stürmische Landschaft“ stammt aus dem Nachlass Lohses, den seine Witwe Johanna Lohse (1894−1977) in Bischofswerda verwaltete. Nach ihrem Tod erbten ihre Töchter Marie Gundlach in Aalen und Gerda Sieber in Jena die im Nachlass verbliebenen Werke des Künstlers. Die Landschaft befand sich im Eigentum von Gerda Sieber, bevor sie durch Kühl an das Lindenau-Museum verkauft wurde.

Ein Etikett auf der Bildrückseite belegt, dass sich auch das „Porträt Buschbeck“ im Nachlass von Carl Lohse befand (Abb. 3). Es wechselte als „Kopf Buschbeck (rosa Haut, graues Haar)“ bezeichnet am 26. Juni 1977 für 800,- M den Besitzer und gelangte über die Kunstausstellung Kühl nach Radebeul zu einer Käuferin oder einem Käufer namens Heinze. 1985 nahm Johannes Kühl das „Porträt Buschbeck“ erneut in Kommission, nun von der Dresdnerin Charlotte Berta Julianne Beyer (1910−1992) für die erwähnte Gedächtnisausstellung.

Nachlassaufkleber auf der Rückseite von Lohses Porträt Buschbeck, Foto: punctum/Bertram Kober

Der gebürtige Hamburger Carl Lohse ging im Oktober 1919 als freischaffender Künstler nach Bischofswerda, wo bis zum April 1921 sein expressionistisches Frühwerk entstand. 1920 nahm er an einer Ausstellung der Dresdner Sezession Gruppe 1919 in der Galerie Arnold teil. Heinrich Kühl arbeitete dort und lernte den Maler vermutlich auf diesem Weg kennen. 1931 hatte Lohse seine erste Sonderschau in der Kunstausstellung Kühl. Zwischen 1952 und 1985 wurden seine Werke achtzehnmal bei Kühl präsentiert. Die enge Verbindung der Galerie zu Carl Lohse zeigt sich auch darin, dass Heinrich Kühl im Mai 1965 an der Beerdigung Lohses im kleinen Kreis teilnahm. Der Kunsthändler starb nur ein halbes Jahr später. 1966 fand unter der Galerieleitung von Johannes Kühl bereits eine Gedächtnisausstellung zu Lohse statt.

Hermann Adolph Buschbeck (1847−1905) gehörte gemeinsam mit Friedrich Emil Hebenstreit (1852−1916) zu den Gründern der Fabrik Buschbeck und Hebenstreit, die Armaturen aus Metall, Eisen- und Stahlguss für Heizung, Dampf, Wasser und Gas herstellte. Die 1874 in Dresden gegründete Firma hatte ab 1899 eine Zweigstelle in Bischofswerda. Zu Lohses erstem Aufenthalt in der Stadt kam es durch die Einladung des Fabrikanten Karl Emil Hebenstreit (1877−1945), dem Sohn von Friedrich Emil, der ab Oktober 1919 sein Mäzen und ab 1925 durch Lohses Heirat mit Johanna Scheumann auch sein Schwager wurde. In den Fabrikhallen der Metalldreherei und Gießerei der Firma Buschbeck und Hebenstreit malte Lohse regelmäßig. Dort lernte er auch den Kaufmann und Mitinhaber Hermann Walter Buschbeck (1881−1927) kennen, den er um 1920 porträtierte. Anhand der Provenienzrecherchen ist heute genau nachvollziehbar, welcher Fabrikant aus der Familie Buschbeck hier dargestellt ist und welche Geschichte das Gemälde erzählt.

Im Dezember 2023 erscheint die erste Buchpublikation, die ausschließlich der Herkunft von Kunstwerken im Lindenau-Museum gewidmet ist. Der Band mit dem Titel „Kunst von Kühl. Erwerbungen aus einer Dresdner Galerie“ begleitet die gleichnamige KUNSTWAND-Ausstellung, die noch bis zum 14. Januar 2024 im Interim des Lindenau-Museums in der Kunstgasse 1 zu sehen ist. Zwischen 1953 und 1991 gelangten 31 Gemälde und zahlreiche grafische Blätter über die Kunstausstellung Kühl ins Lindenau-Museum. Über fast vier Jahrzehnte hinweg war die Dresdner Galerie einer der wichtigsten Partner beim Aufbau der neuen Sammlungen. Angekauft wurden in erster Linie Kunstwerke des 19. und 20. Jahrhunderts. Heinrich Kühl und später sein Sohn Johannes vermittelten dem Lindenau-Museum unter anderem Gemälde von Robert Sterl (1867–1932), Ludwig von Hofmann (1861–1945), Rüdiger Berlit (1883–1939) und Edith Jasmand-Großmann (1896–1985). Nach einem Einblick in die Geschichte der Kunstausstellung Kühl und in die Erwerbungspraxis stehen die Bilder und ihre Herkunft im Blickpunkt der Publikation. Im Zuge der Recherchen konnten nicht nur Provenienzen rekonstruiert, sondern auch Datierungen ermittelt, Dargestelltes identifiziert, Werkzusammenhänge erkannt sowie das ein oder andere interessante Detail aus dem Leben der Künstlerinnen und Künstler in Erfahrung gebracht werden, wie das Porträt von Hermann Walter Buschbeck des Malers Carl Lohse anschaulich belegt.

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