Die Narren des Weltgeschehens im Werk von Rolf Münzner
Für viele Menschen mag die Figur Don Quijote des spanischen Schriftstellers Miguel de Cervantes Saavedra (1547–1616) ein Narr sein: verrückt, oft ins Lächerliche gezogen, gegen Windmühlen kämpfend. Im Kern ist er jedoch ein vernunftbegabtes, herzenskluges Wesen. Infolge seiner Beschäftigung mit Literatur aus längst vergangenen Zeiten, die ritterliche Ideale verfolgt, verfällt er dem Wahn, andere schützen und die Welt zum Besseren verändern zu müssen. Der liebenswerte Ritter geistert seit den 1980er-Jahren immer wieder durch das grafische Werk des Künstlers Rolf Münzner (*1942) und steht sinnbildlich für etwas, das dessen Werk ausmacht: die tiefe und ernsthafte Auseinandersetzung mit Literatur.
Ohne die Geschichten, Romane, Verse und Zeilen literarischer Werke würden Münzners Figuren haltlos aus den Rahmen fallen. Dabei versteht er Buchillustration nicht im klassischen Sinn als Bebilderung eines Textes; vielmehr dient diese als Anreger und Verbindung zu selbst Erlebtem. Münzner entnimmt den Erzählungen und Romanen Essenzen und verdichtet sie zu sehr persönlichen grafischen Essays. Er macht nicht nur das Unsichtbare der literarischen Vorlagen sichtbar, er geht in einen tiefgründigen Dialog damit.
Münzner ist ein Zeichner par excellence und ein fabelhafter Grafiker. Er hat die vielseitigen Techniken ergründet, ausprobiert und verfeinert. Zu Beginn seines künstlerischen Werdegangs absolvierte er eine Ausbildung in der Steindruckwerkstatt von Horst Arloth (1925–2018) an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig – ein Umfeld, das Münzner nicht nur lebenslang prägen und begleiten wird, sondern ihn auch zu seiner ganz eigenen, unverkennbaren künstlerischen Sprache brachte: Die Kunst der Schablithografie beherrschen nur wenige so meisterhaft wie Münzner, der nahezu zum Synonym für diese hochdiffizile Technik geworden ist. Mit Nadeln und scharf geschliffenen Schabeisen holt er die Bildwelten im Wortsinn aus dem Stein ans Licht.
Ein Schlüsselwerk seiner Arbeit, bei dem er die Technik in Perfektion angewandt hat, ist der Roman „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow (1891–1940). Kaum jemand hat die Dämonie, die Brisanz und die Symbolik des Buches so eindringlich in Bilder übertragen wie Münzner.
Kurz nach seiner Lektüre im Jahr 1970 entstand ein Zyklus aus acht Schablithografien, in denen er den Kern des Romans visuell offenbart. Die von Willkür geprägte Bürokratie, die Überwachungspraktiken und Versorgungsengpässe im Moskau der 1930er-Jahre, aber auch die Liebe als rettende Kraft, die Bulgakow schildert, übersetzte Münzner in detailreiche und fantasievolle Bildwelten, denen er laut eigenen Aussagen kaum Herr werden konnte.
Mit Literatur war es ihm möglich, in fremde und bekannte Welten einzutauchen und seiner scheinbar unendlichen Vorstellungs- und Schaffenskraft Freiraum geben. Die Autoren der Weltliteratur, denen sich Münzner widmete, waren Propheten, deren kritische Voraussichten uns in der Gegenwart um die Ohren fliegen. Viele von ihnen beschrieben die guten und die üblen Narren des Weltgeschehens.
Den bösen Mächten stellt Münzner seine gesammelten, in der Literatur bereits angelegten Figuren entgegen und schafft damit ein fantastisches, aufrichtiges und kraftvolles Heer, aufgestellt, um unsere Fantasie und unseren Geist wachzuhalten.
Text von Karoline Schmidt, Kunstwissenschaftlerin am Lindenau-Museum
Vom 17. April bis zum 12. Juli 2026 zeigen wir an der KUNSTWAND in der Kunstgasse 1 unter dem Titel „Narren und Nordlichter“ grafische Arbeiten von Rolf Münzner. Unter den gezeigten Arbeiten sind ausgewählte Blätter eines großen Konvoluts, das Rolf Münzner dem Museum dankenswerterweise im Dezember 2023 als Schenkung übergab.
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