Spuren einer gemeinsamen Museumsgeschichte in der Bibliothek des Lindenau-Museums

2027 erfolgt der Übergang des Lindenau-Museums und des Residenzschlosses mit seinen Museen in den Zweckverband Altenburger Museen. Was nur Wenige wissen: vor etwa 100 Jahren fanden sich beide Häuser schon einmal unter gemeinsamer Leitung vereinigt. 1920 wurde der Direktor des Lindenau-Museums Albrecht von der Gabelentz (1873–1933) auch zum Direktor des neu gegründeten Heimatmuseums im Residenzschloss ernannt. Bis heute finden sich in der Bibliothek des Lindenau-Museums Spuren dieser gemeinsamen Geschichte.

Ein Beispiel stellt der erste Band des 1912 erschienenen Katalogs „Die königliche Vasensammlung zu München“ dar. Das darin enthaltene Verzeichnis antiker, nicht-attischer Vasen umfasst rund 1.000 Objekte. Für die Arbeit in unserem musealen Alltag hat das Buch einen hohen wissenschaftlichen Wert. Die zahlreichen Abbildungen erlauben es, die Keramiken aus dem Altenburger Bestand Münchner Stücken gegenüberzustellen. Äußere Formen und figürliche Gestaltungselemente können auf diese Weise verglichen werden.

Erster Band des Katalogs „Die königliche Vasensammlung zu München“, München 1912


Erstaunlicher scheint daher, dass dieses Buch nicht für das Lindenau-Museum, sondern den Vorläufer des heutigen Schlossmuseums erworben wurde. Ganze vier Stempelungen mit dem Schriftzug „Staatliches Heimatmuseum Altenburg i. Thüringen“ zeugen davon. Welchen Grund mag es für diese Entscheidung gegeben haben? Der Blick in die Geschichte liefert eine mögliche Erklärung.

Stempel und Besitzvermerke des Katalogs „Die königliche Vasensammlung zu München“.


Mit der Abdankung des letzten regierenden Herzogs Ernst II. von Sachsen-Altenburg (1871–1955) im November 1918 verlor das hiesige Residenzschloss seine Funktion. Zeitnah begannen Überlegungen, in den nun leerstehenden Schlossräumen ein Heimatmuseum einzurichten. In dem Zusammenhang plante Albrecht von der Gabelentz auch die Neuzuordnung der Museumsbestände. So wurde unter anderem die Übertragung der kunstgewerblichen Objekte – seinerzeit zählten die altertümlichen Keramiken dazu – aus dem Lindenau-Museum an das junge Heimatmuseum besorgt. In der Folge zugegangene Fachliteratur wurde in der Bibliothek des Residenzschlosses erfasst. Die gemeinsame Leitung beider Museen währte jedoch nur wenige Jahre, so dass die Vasensammlung 1942 an das Lindenau-Museum zurückgelangte. Es ist naheliegend, dass thematisch passende Bücher und Zeitschriften in diesem Zuge mitübertragen wurden.

Ein zweites Beispiel fand sich erst jüngst in der Bibliothek des Lindenau-Museums. Das Buch trägt den klangvollen Titel „Kang-hsi, eine Blüte-Epoche der chinesischen Porzellankunst“. Sein Verfasser Walter Bondy wurde 1880 in Prag geboren und ist uns heute insbesondere als Maler, Kunstkritiker und Sammler zeitgenössischer Kunstwerke bekannt. Daneben besaß er eine umfangreiche Sammlung asiatischer Kunstobjekte und das dazugehörige Fachwissen auf dem Gebiet.

Walter Bondy, „Kang-hsi, eine Blüte-Epoche der chinesischen Porzellankunst“, München 1923


Für die historische und künstlerische Einordnung der Ostasiatika Bernhard August von Lindenaus liefern die Abbildungen der 1923 verlegten Publikation aufschlussreiche Vergleichsmöglichkeiten. Auffällig bei unserem Buchexemplar ist, dass sich neben dem Stempel des Heimatmuseums auch der des Lindenau-Museums eingedruckt findet. Wie es zu der Übertragung kam, darüber möchten wir spekulieren.

Stempel und Besitzvermerke aus „Kang-hsi, eine Blüte-Epoche der chinesischen Porzellankunst“


Aus der Geschichte wissen wir mit Sicherheit, dass in den 1920er Jahren kein Wissenschaftler mit dem Schwerpunkt auf ostasiatischer Kunst im Heimatmuseum beschäftigt war. Es liegt nahe, dass Albrecht von der Gabelentz die inhaltliche Betreuung des Spezialgebiets übernahm. Sein Vater war der bekannte Sprachwissenschaftler Georg von der Gabelentz (1840–1893), wodurch ihm die ostasiatische Kultur von klein auf vertraut gewesen sein muss. Für seine Arbeit an den Beständen des Schlossmuseums entlieh er vermutlich besagten Katalog aus der Schlossbibliothek. Möglich, dass nach seinem Ableben im Jahr 1933 die Rückgabe des Buchs versäumt wurde. In den Räumlichkeiten des Lindenau-Museums vorgefunden, versah man es mit dem hauseigenen Stempel. In seiner vorliegenden Ausführung wurde er allein während der Zeit des Nationalsozialismus verwendet, was den zeitlich passenden Eingang in den Bibliotheksbestand zwischen 1933 und 1945 nahelegt.


Text von Dr. Benjamin Spira und Melanie Bogdan, Team Bibliothek/Archiv am Lindenau-Museum

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