Verliebt, verlobt, befreundet: Die kurze Beziehung zwischen Bernhard August von Lindenau und Luisa Carlotta von Sachsen

„Nun komme ich aber zu einem merkwürdigen Punkt in Lindenaus Leben“, schreibt Luise von der Gabelentz (1814–1901), Cousine unseres Museumsgründers Bernhard August von Lindenau (1779–1854), in ihren Erinnerungen.* Um diese Merkwürdigkeit verständlicher zu machen, ist zunächst ein Blick auf das sächsische Königshaus notwendig.

Carl Christian Vogel von Vogelstein (1788–1868), Porträt der Prinzessin Luisa Carlotta von Sachsen (1834), Öl auf Leinwand, Privatbesitz (Quelle: Wikimedia Commons)

 
Im Jahr 1825 heiratete Prinz Maximilian von Sachsen (1759–1838) die um vier Jahrzehnte jüngere Tochter des nur kurze Zeit regierenden Königs von Etrurien, Enkelin des spanischen Königs, Prinzessin Luisa Maria Carlotta von Sachsen (1802–1857). „Natürlich lieferte das Hofleben, die Feste und Bälle, viele Gelegenheiten für die junge Frau, Vergleiche mit dem Gemahl anzustellen und kleine Herzensangelegenheiten ins Werk zu setzen“, fährt Gabelentz fort. Es kommt, wie es kommen musste: Die lebenslustige Prinzessin verguckt sich in einen jungen Leutnant. „Schon bei Lebzeiten des alten Gemahls fing das Verhältnis an, nach dessen Tode wurde es bemerkbarer, sie war unklug, schrieb ihm Briefe und wie weit es ging, wer kann es sagen?“

Der Liebhaber hatte allerdings keine Herzensangelegenheiten im Sinn. Er erpresste Luisa Carlotta, drohte, ihre Briefe zu veröffentlichen. Luise von der Gabelentz berichtet in ihren Aufzeichnungen, dass Luisa Carlotta den Mut fasste und sich ihrem Stiefsohn, dem späteren König Johann (1801–1873) anvertraute. Und tatsächlich, der mit Luisa Carlotta fast gleichaltrige Johann wusste Rat: Lindenau, seinerzeit sächsischer Ministerpräsident, musste helfen. „Lindenau mit seinem Verstand, seiner Herzensgüte, seiner Umsicht und Rechtschaffenheit, klärte bald diese dunklen Zustände. Er […] schaffte die Briefe zurück und der Elende mußte versprechen, Dresden zu verlassen.“

Maximilian Knäbig (1804–nach 1876), Bernhard August von Lindenau, Lithografie um 1835, nach dem gezeichneten Porträt von Vogel von Vogelstein, Foto: Lindenau-Museum Altenburg

Den Erinnerungen der Luise von der Gabelentz nach fühlte sich die Prinzessin „ihrem Befreier“ hingezogen. Lindenau, in seiner Jugend „ein ebenso schöner, wie geistreicher Mann“ (Louise Seidler), nun im Jahr 1838 fast 60 Jahre alt, ließ der nahe Umgang mit der „anmuthigen“, erst 35-jährigen Prinzessin, ebenfalls nicht kalt. „Prinz Johann […] verkannte die Bedenken und Schwierigkeiten nicht, die es weg zu räumen gab […]. Er war es, der die Zustimmung seines königlichen Bruders […] zu dieser Heirat erlangte, und Lindenau und die Prinzessin verlobten sich förmlich.“

Vieles liegt bei dieser Verlobung im Frühling des Jahres 1838 noch im Dunkeln, und merkwürdig ist sie schon allein deshalb, weil sie nur wenige Wochen dauerte. Bereits im Juli 1838 heiratete Luisa Carlotta in Rom Giovan Francesco de Rossi (1796–1854).

Bis 1945 hing Luisa Carlottas Bild im Pohlhof, dem elterlichen Stammsitz Lindenaus, Foto: Schlossmuseum Altenburg


Zwar wurde die Verlobung gelöst, doch Lindenau und Luisa Carlotta blieben ein Leben lang Vertraute. Lindenau kümmerte sich um die sächsischen Finanzen der Prinzessin, wohnte auf seiner italienischen Reise im Winter 1843/44 sogar in ihrem römischen Palais. Den neuen Ehemann störte das nicht: „Beide Herren fanden Gefallen aneinander“, heißt es bei Gabelentz. Ihr Bild, in Öl gemalt, schenkte sie dem Ex-Verlobten.

Unter den Vermächtnissen, die nach Lindenaus Tod in die Hände der Familie kamen, war auch der Verlobungsring mit der Prinzessin: „Es war eine Art von Siegelring aus feinem Golde, schwer und tüchtig gearbeitet. Der Stein, ein Blutjaspis, trug den Namenszug der Prinzessin und Datum.“

Text von Dr. Ronny Teuscher, Archäologe am Lindenau-Museum


*Im Text zitiert nach Landesarchiv Thüringen – Staatsarchiv Altenburg, Familienarchiv von Lindenau, Nr. 29, Bl. 6r-8r.

 

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